job
Foto: “Day 123: Nigel Slater’s Book Promotion” von Manic Street Preacher

Johnny Haeusler hat auf Spreeblick vor gut 2 Monaten einen wunderbaren Artikel zu seiner schlimmsten beruflichen Tätigkeit veröffentlicht.
Also tue ich es ihm gleich und plaudere auch mal aus dem Nähkästchen.

Ich bin mittlerweile 21 und ehrlich gesagt: so viele Nebenjobs hatte ich bisher noch nicht. Genau genommen hatte ich Einen.
Vor ca. 2 1/2 Jahren schrieb meine Freundin ein, damals kürzlich neu eröffnetes, Fitness Studio in Saarbrücken an und erkundigte sich nach offenen Stellen (Empfang, Bar, whatever). Eine Woche später rief eine Dame bei ihr an und teilte ihr mit, dass man “im Moment keine offenen Stellen zu vergeben habe, aber das Promotion Team noch ein paar Leute bräuchte”. Da ich noch zur Schule ging hatte ich Nachmittags mehr als genug Zeit (Hausaufgaben waren eher etwas für Abends oder den nächsten Morgen) und so entschied ich mich dort ebenfalls einmal vorbeizuschauen.

Das “Vorstellungsgespräch” klang sehr Kiez-mäßig und wurde von einem jungen metrosexuellen Herrn geführt (Kurzfassung):
“Ihr müsstet Leute ansprechen, sie in ein Gespräch verwickeln, das Produkt anpreisen [...], könnt ihr das/macht ihr das? Stundensatz 8,50 €”.
Eigentlich mochte (und mag) ich es nicht Leuten auf den Keks zu gehen (böse Zungen behaupten etwas anderes), aber ich dachte: “Mein Gott, das machste ein paar Mal und dann wird das schon. Und 8,50 die Stunde sind ja auch nicht zu verachten.”
Gesagt – getan. Ich war im Promotion Team.

Zu Allererst wurden Dienstpläne erstellt. In der Zeiteinteilung war man relativ flexibel und so entstand auch nicht der Eindruck, dass man zu etwas gedrängt wurde. Danach noch die klassische (im Sinne der Corporate Identity) Regenjacke, die mir 2 Nummern zu groß war. Anschließend, kurz bevor es auf die Straße ging erfolgte die (allem Anschein nach) richtige Einweisung: Unser Tätigkeitsfeld umfasste nicht nur das oben genannte Ansprechen der Leute, sondern auch diese dazu zu bewegen bei einem Gewinnspiel des Studios mitzumachen und ihre (besonders wichtiger Punkt) Telefonnummer zu hinterlassen. Ferner noch das Überreden zu einem Probetraining, bzw. die Leute gleich mal in das Studio zu lotsen. Dort drinnen würde unsere Tätigkeit enden und die erfahrenen Mitarbeiter würden sich um die potentiellen Kunden kümmern. Das hieß in etwa so viel wie: Sie in die Mangel nehmen und dazu zu bekommen einen Vertrag für mindestens 1 Jahr zu unterzeichnen.
Da wurde ich schon etwas stutzig, aber aufgrund meiner fehlenden Erfahrung in diesen Bereichen tat ich es als “normal” ab.

Auf der Straße war es ziemlich “hart”. Die Eröffnung lag bereits 2 Monate zurück und bereits davor wurde heftig dafür geworben. Kurz gesagt: Jeder kannte dieses verfluchte Ding bereits und ich bekam nicht selten ein “Boah nicht schon wieder!” zu hören, wenn ich freundlich auf Jemanden zugeging. Das Schlimmste an der Sache war, dass ich die Reaktionen nachvollziehen konnte. Es gab und gibt für mich wirklich nichts nervigeres als auf der Straße angesprochen zu werden, egal ob es sich um Wale, Autos, Versicherungen oder Probe Abonnements dreht. Insofern war ich Personen wirklich dankbar, wenn sie sich die Zeit nahmen und mir ein solch dämliches Gewinnspielkärtchen unterschrieben. Meistens kam ich nur mit 8 Kärtchen zurück (selten mehr), manchmal sogar noch weniger. Teilweise lag es womöglich daran, dass mir Brüste fehlten oder ich etwas zu schlacksig aussah (die Regenjacke betonte meinen dünnen Körperbau nur noch), das kann ich nicht beurteilen. Aber seltsamerweise sagte niemand etwas…jeder war zufrieden und glücklich. So schien es zumindest.

Ernsthafte Zweifel an meiner Tätigkeit bekam ich als ich sah was in der “Telefonzentrale” so ablief. Dort wurden die gesammelten Kärtchen “abtelefoniert” und anschließend zerrissen und weggeworfen. Auf meine Frage hin was denn mit dem Gewinnspiel sei wurde mir geantwortet: “Das ist sowieso schon seit nem Monat abgelaufen.” Nichts gegen Telefonakquise, aber das ging mir doch eine klitzekleine Spur zu weit zumal man sich mit solchen Aktionen strafbar machte und mich mit hineinzog.

Die Zeit verging und mit ihr verabschiedeten sich auch die Reste meiner sowieso schon bescheidenen Begeisterung für diesen Job.
Irgendwann tauchte dann ein junger, dynamischer und hochnäsiger Herr (25 Jahre) auf. Im Bereich Promotion war er wohl ziemlich erfahren, hatte wohl auch schon öfter für das Unternehmen gearbeitet und so wurde er von Jedem auf Händen getragen (was er sichtlich genoß). Irgendwie schaffte dieser Kerl es auch immer innerhalb von 4 Stunden 30 – 45 Kärtchen voll zu bekommen und das ohne den “Telefonbuchtrick” zu benutzen. Kurz gesagt: Ich konnte diesen Kerl ums Verrecken nicht ausstehen.

Der Tag meiner letzten Schicht:
Junger, dynamischer, hochnäßiger Herr seilt sich von der Gruppe (meine Freundin + Ich) ab um alleine auf Tour zu gehen. Nach ca. 2 Stunden in der Fußgängerzone hatte ich stolze 10 Kärtchen, meine Freundin 15. Er kam zurück und hatte, wie sollte es anders sein um die 30. Wieviele Hausfrauen er dafür beglücken musste weiß ich nicht, aber er schien zufrieden. Kurz darauf erschien ein Mitarbeiter aus dem Vetrieb des Studios (den ich bis dato noch nie gesehen hatte) und riss uns förmlich unsere bis dato 25 Kärtchen aus der Hand, was mehr als nur seltsam war. Immerhin mussten wir diese bisher stets persönlich abliefern und die Anzahl notieren.
Eine halbe Stunde vor Ende unserer Schicht kam er nebst Hochnase wieder herunter mit den Worten: “Wir haben uns gerade eben unterhalten und euer Tagesziel für heute liegt bei 50!”.
Die Tatsache, dass mich niemand darüber in Kenntniss gesetzt hatte, dass Hochnase (allem Anschein nach) mein Vorgesetzter war, geschweige denn wer dieser komische Vertriebler mit indischem Akzent war und ich eine halbe Stunde vor Schichtende über das “Tagesziel” informiert wurde brachte mich zur Weißglut. Abgesehen davon wurden uns 5 unserer 25 Kärtchen quasi aberkannt: “Ihr habt mir nur 20 gegeben!” – “Nein 25!” – “Das waren 20!”
Wir beendeten unsere Schicht und kündigten nach einem schnellen, kurzen, kühlen und knackigen Gespräch.

Was mir blieb:

  • ~180 steuerfreie Euro
  • schlechte Erfahrungen
  • die Weißheit “Mach auf der Straße niemals bei Gewinnspielen mit”
  • Mitleid für eine bestimmte Gruppe Menschen in der Saarbrücker Innenstadt

Immerhin etwas.

Geschrieben von: Julian in Persönliches

2 Antworten zu “Der schlimmste Job, den ich je hatte…”

  1. Boff meint:

    Wie ich diese Leute auf der Straße hasse. Fettes Grinsen, fette Regenjacke, nettes Bändchen um den Hals und ein Haufen Kärtchen in der Hand, der ihren eigenen Aussagen zufolge mehr wert ist als der Arsch von Paris Hilton. Ich bewundere dich, dass du das solange ausgehalten hast ;-)

  2. Julian meint:

    Vielen herzlichen Dank ;-)
    Das Problem bei dieser Tätigkeit ist, wie gesagt, die Tatsache, dass du weißt WIE sehr du den Leuten auf den Nerv gehst. Wenn du das “ausblenden” kannst bist du wie geschaffen dafür!

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