Religulous

“Sie haben mich schon bei den Eiswürfeln gekriegt!” – Bill Maher
Es war nur eine Frage der Zeit bis sich jemand der Sache annahm: Einen kritischen mit Humor versehenen Dokumentarfilm über Weltreligionen und deren Einfluss auf Politik und Gesellschaft.
Der in den USA recht bekannte Comedian, Schriftsteller, Schauspieler und bekennender Agnostiker Bill Maher führt den Zuschauer durch 100 Minuten Religion, Wahnsinn, Verleumdungen und seine eigene Ansichten, die wohl nicht Jedermann’s Sache sind.
Mein Senf dazu
Ich persönlich sehe mich nicht unbedingt als Atheisten. Ich will weder die Existenz eines höheren Wesens komplett abstreiten, noch verurteile ich es, wenn andere Menschen an eine solche glauben. Allerdings hält sich meine Sympathie hinsichtlich religiöser Gruppen in Grenzen.
Bill Maher ist da etwas anders. Er ist bekennender Agnostiker und gegen jede Art von Religionen. Das hat dann schon nichts mehr mit einer leichten Abneigung zu tun, man könnte sagen er HASST sie ganz einfach. Und an so etwas wie einen Gott glaubt er schon lange nicht. Kann so ein Mann also eine seriöse und objektive Dokumentation liefern? Die Frage beantwortet sich von selbst.
Der Film hat Humor, keine Frage. Den liefert aber weniger Bill Maher, als vielmehr die Glaubensrichtungen und die Personen an sich. Dabei stechen vor allem Dinge wie das Kreationistenmuseum (mit einem Triceratops mit Sattel) und der christliche Themenpark hervor (in dem übrigens jeden Tag die Kreuzigung Jesu stattfindet, begleitet von furchtbarem Gesang). Ned Flanders lässt grüßen!
Auch die Gespräche mit religiösen Führern und Fundamentalisten sind ein einziger Lacher, da deren Äusserungen nur auf ein Publikum maßgeschneidert sind: Auf Diejenigen die keine Fragen stellen. So hat es Mahers sichtlich einfach diese Leute ins straucheln zu bringen.
Natürlich gibt es auch die althergebrachten Themen, wie: “Warum lebt der Pabst im Vatikan?”, “Christen und ihr Verhältniss zur Homosexualität.” oder einfach nur den durchaus “lustigen Glauben der Mormonen”, die definitiv sehr interessant sind und grausamerweise auch einen recht hohen Unterhaltungswert bieten.
Doch was macht Religulous nun falsch? Eine ganze Menge wie ich finde.
Mir blieb da eine Szene besonders in Erinnerung:
Herr Mahers besucht einen Laden für christliche Antiquitäten, Statuen, Symbole etc.. Dort trifft er auf den etwas korpulenten Ladenbesitzer, den er über seinen Glauben und über Gott befragt. Was dabei im Endeffekt herauskam waren Spott und Häme für den Mann seitens Mahers. Mit Sprüchen und Fragen à la: “Sie glauben auch noch an den Weihnachtsmann, was?”, “Alles klar Kumpel…alles klar.” und sonstigen Vorschul – Sprüchen macht er sich über ihn lustig.
Ich hab mich ehrlich gesagt geschämt als ich das sah. Wenn ein einfacher Mann nach seinem persönlichen Weltbild und Glauben gefragt wird (welches/n er niemandem aufzwingen will) und dafür ausgelacht wird, finde ich das daneben. “Fragen wird ja wohl erlaubt sein” heißt es auf dem Kinoplakat. Sicherlich, aber was soll der Spott dabei? Als nicht religiöser Mensch muss man natürlich über das Ein oder Andere lachen. Von dieser “Schuld” sprech ich mich auch nicht frei. Dann schmunzelt man eben für sich und bleibt höflich, vor allem wenn man mit der Diskussion anfing. Alles Andere ist nicht sachlich, sondern kindisch und zeugt nicht gerade von Professionalität. Doch darauf wurde allem Anschein nach sowieso nicht sehr viel Wert gelegt.
Geführte Interviews werden meist nie am Stück gezeigt, sondern durch andere (passende) Befragungen, Gedanken Mahers oder (nur manchmal) lustige Filmeinspielungen unterbrochen. Dadurch werden meiner Meinung nach Informationen anders herübergebracht und es verwirrt auch ein wenig, wenn man tatsächlich dem Inhalt der Diskussionen folgen will.
Ein (unnötiger) Besuch in Amsterdam lässt der mittlerweile 53-jährige natürlich auch nicht aus und trifft sich mit dem Gründer einer Art Cannabis Religion (dessen Haare zwischenzeitlich auch mal brennen). Zwar verzichtete er bei jeder anderen Religionsgemeinschaft darauf mal in die “Rituale” hereinzuschnuppern, aber wenn man mal legal einen durchziehen darf ist man natürlich dabei. Die Wirkung des Joints hielt anscheinend bis in den Schneideraum Einzug, was man in der Endsequenz zu spüren bekommt.
Die Glaubensgemeinschaft “Scientology”, deren Glaube und Taten alles Andere in den Schatten stellen, wurde zu meiner Überraschung in 2 1/2 Minuten abgehandelt. Da hat sogar South Park mehr Aufklärungsarbeit betrieben. Gerade hier wäre ein Blick hinter die Kulissen interessant gewesen, aber dazu fehlte entweder der Mut, oder die Lust.
Das Ende (welches auch die Quintessenz beinhaltet) setzte schließlich dem Ganzen die Krone auf.
Zu donnernder Orchestermusik sieht man Bilder von Kriegen, Hungersnöten, Erdbeben, religiösen Führern, ölverschmierten Robben (mal ganz im Ernst: die Religion ist Schuld an einem Öltanker der Leck geschlagen ist? Ach ja natürlich.) und bekommt die ultimative Weißheit eingetrichtert: “Werdet erwachsen, oder geht unter!” (Sinngemäßg: Schafft die Religionen ab oder alle werden sterben!). Das Ganze schließt mit dem großen Endknall, einem wunderschönen, sich aufbäumenden Atompilz.
Ganz großes Kino!
Fazit:
Nachdem ich den Film sah, war ich teils befriedigt, teils zutief enttäuscht. Interessante Themen standen oft im krassen Gegensatz zum tatsächlichen Informationsgehalt. Bill Mahers wirkt mehr als nur unsympathisch, was scheinbar gewollt ist. Alles in Allem könnte man dem Film 50 Minuten gutes bis halbwegs gutes Material zugestehen. Der Rest ist Propaganda für Mahers Weltbild, welches mir allerdings auch ein wenig weltfremd erscheint. 2,5/5 Kreuzen für eine nur halbwegs gelungene humoristische Doku.




Mai 26th, 2009 at 19:45
“Bill Maher ist da etwas anders. Er ist bekennender Agnostiker und daher gegen jede Art von Religionen.”
*hüstel*
Vielleicht solltest du nochmal nachschlagen, was “Agnostiker” bedeutet.
Also: Agnostiker sind nicht automatisch gegen Religion, insofern ist dein “daher” ein wenig unangebracht. Kurz:
Theist: (irgendeine Art von) Gott existiert
Agnostiker: Gibt es Gott? Gibt es Gott nicht? Kann man nicht definitiv sagen.
Atheist: Gott existiert nicht.
Keines der drei Weltbilder ist automatisch für oder gegen Religion, wobei natürlich Theisten eher dafür sind (und für gewöhnlich einer Religion angehören) und Atheisten wie ich eher dagegen.
Es gibt Theisten die dennoch gegen die existierenden organisierten Religionen sind (“es gibt Gott, aber die Religionen interpretieren ihn alle falsch) und es gibt Atheisten die die Meinung vertreten, daß Religionen durchaus Gutes tun (z.B. in sozialen Sektoren).
“Ich persönlich sehe mich nicht unbedingt als Atheisten. Ich will weder die Existenz eines höheren Wesens komplett abstreiten, noch verurteile ich es, wenn andere Menschen an eine solche glauben.”
Herzlichen Glückwunsch: DU bist ein Agnostiker. :) Ehrlich wahr. :)
Mai 28th, 2009 at 14:38
Das “daher” habe ich dann einmal herausgekürzt.
Tja, da waren meine Erinnerungen an den “Ethik” Unterricht wohl nicht mehr so frisch, wie ich dachte. Vielen Dank für den interessanten, aufschlussreichen und “auffrischenden” Kommentar :-)
Da schreib ich mir doch feierlich Agnostiker auf die Brust.
Allerdings macht dann die Behauptung Mahers er sei ein Agnostiker, absolut keinen Sinn. Wie schon im Review erwähnt zieht er sämtliche Religionen in den Dreck und man bekommt den Eindruck, dass er eine tiefe Abneigung gegen sie hegt. Er betont desöfteren: “Man kann es nicht mit Sicherheit sagen!” aber trotz allem klingt er für mich mehr nach Atheist.
Juni 5th, 2009 at 18:56
Jein, ich verstehe schon was du meinst, er steht sozusagen “auf der Schwelle”. Aber auch aus anderen Interviews heraus deute ich seine Sicht in etwa so, daß er was eine “mögliche Existenz eines Gottes” angeht wirklich eine 50:50 Meinung. *ABER* er vertritt die Meinung, daß organisierte Religionen 100% Menschlich sind, inclusive ihrer Schriften etc.
Und er gehört der Schule an die die Meinung vertritt, daß historisch eine Menge an Leid durch diese menschlichen Gesellschaften verursacht wurde, nur im Namen eines Gottes. (Ich persönlich denke, daß uns ohne Religionen genügend andere Gründe eingefallen wären uns gegenseitig Steine auf den Kopf zu hauen… :-( ).
Er trennt völlig zwischen einem *möglichen* Gott und Religionen.
Meine persönliche Sicht formuliert vom inzwischen leider verstorbenen George Carlin, der Klassiker “HOLY Shit!”. http://www.youtube.com/watch?v=MeSSwKffj9o
:D
Juni 5th, 2009 at 19:06
Oder nochmal kurz: Es gibt wie gesagt sogar Thesiten die gegen jegliche organisierte Religion sind, warum also nicht auch Agnostiker.? :)
Juni 10th, 2009 at 15:28
Möglich, dass er genau auf der Schwelle steht, aber er übertritt sie auch hie und da. Wie dem auch sei: Der Film war mittelmäßig. Da hätte man soooo viel mehr draus machen können. Vor allem Scientology kam deutlich zu kurz und von dieser Vereinigung geht eine deutlich größere Bedrohung aus, als von der katholischen Kirche möchte ich meinen.
Danke für den Link, George Carlin ist “göttlich” ;-)
April 11th, 2010 at 00:16
Meine erste Frage:
Hast du den Film in der dt. Übersetzung gesehen? Ich hab keine Ahnung, wie der Film übersetzt wurde…Aber ich nehme mal an, dass da die gleichen ‘Vollpfosten am Werk waren, die auch sonst die bewegten Bilder verunglimpfen…Also solltest du diese Wortlaute lieber nicht auf Maher übertragen…
Natürlich nimmt er die Cannabis-Religion und den wiedergeborenen Jesus, der zufällig Jesus heißt, auf den Arm! -Sollte man auch! ;)
Allerdings kann ich mich nicht erinnern, dass er gegenüber eines Geistlichen tatsächlich respektlos war.
Was George Carlin angeht, nur anschließen…war ein grandioser Denker und wundervoller Zynist…und er hatte SO recht…
:)
April 23rd, 2010 at 16:05
@Kathrin:
Ja ich habe mir die dt. Version angeschaut und es war wirklich nicht besonders inspirierend oder “erleuchtend”.
Ich habe einen Mann gesehen, der im Michael Moore Stil versucht hat Religionen lächerlich zu machen (was ja nicht wirklich schwer ist).
Nur kam er dabei nicht klever rüber, sondern wie ein stures A****.
Und seine große “Abschlussrede” war eher lächerlich. Denn mit Öl beschmierte Robben haben mit Religion eher wenig zu tun.
Das mit der Cannabis Religion war natürlich lächerlich, aber ich möchte nochmal betonen: Das war die einzige Religion, die er test-weise ausgeübt hat! ;-)
George Carlin ist mir da schon wesentlich sympathischer :-)
Vll. hat die dt. Übersetzung ja Einiges maßgeblich verfälscht. Vll. aber auch nicht!
Ist ja am Ende alles eine Frage des Blickpunkts und des persönlichen Geschmacks ;)