bettler
Vor gut zwei Tagen, Landwehrplatz – Saarbrücken.
Nachdem mich ein gesteigertes Bewusstsein bzgl. des Schutzes unserer Umweltmeines Geldbeutels durchströmt hat bin ich seit längerer Zeit, anstatt mit dem Auto, wieder öfter zu Fuß/mit dem Bus unterwegs.
Gedankenverloren passiere ich (laufend) die S-Bahn Haltestelle und lausche einem Lovecraft Hörbuch auf meinem Ipod. Ferner widme mich mit leerem Blick vorbeihuschenden leblosen Gegenständen.
Ca. 25 Meter vor mir: ein Mann. Auf den ersten Blick denke ich, dass er seinen Lebensunterhalt wohl mittels Betteln und der Hilfe von Vater Staat bestreitet. Zu einem zweiten Blick kommt es erst gar nicht, da ich mich wieder meinen Gegenständen widme. Ein Zaun zu meiner rechten, mit Wahl- und Zirkusplakaten drapiert, erscheint mir geeignet.

Als ich kurz wieder den Blick nach vorne richte sind der Herr und ich noch 2 Meter voneinander entfernt.
Ohne, dass es zu seinem Augenkontakt kam, beginnt er plötzlich in schönstem Saarländisch eine Frage zu formulieren (den Dialekt denkt der Leser sich bitte dazu):

Ey Alter, haste mal wanzig Cent für mich, damit ich nach Hause kommen kann?

Mein Blick wandert im Eiltempo über seine gesamte Erscheinung und bestätigt mir mein Bild von vor 25 Metern. Hängen bleibe ich bei den drei geleerten Bierflaschen zwischen den Fingern seiner rechten Hand, mit denen er seinen bereits blau angelaufenen Mittelfinger zu quälen scheint.
Ab diesem Zeitpunkt ist auch der letzten Stimme in meinem Kopf klar: Der Mann will alles, nur keine zwanzig Cent für den Bus, Taxi oder was auch immer.

Trotzdem öffne ich meine Geldbörse mit einem “Ja, klar!” und krame darin herum.

Boah, danke. Ich wollte ja zuerst mit dem Mopped fahren, aber das is glaub ich nicht so gut.

Ich weiß gar nicht weshalb er nun mit einer Lügengeschichte anfängt. Erstens ist uns Beiden bewusst, dass er lügt, zweitens untermauert die Geschichte nicht gerade seinen sowieso schon nicht vorhandenen Anspruch auf das Geld und Drittens habe ich den Geldbeutel doch schon in der Hand. Weniger ist manchmal mehr.

Ich drücke ihm also die kleine goldene Münze in die Hand und mit einem schnell dahingenuschelten “Danke” zieht er von dannen. Ich stecke meine Kopfhörer wieder in die entsprechenden Körperöffnungen und tue es ihm gleich.

In diesem Sommer war es nun schon der zweite Mann, der mich wegen genau 20 Cent anhielt. Der Erste hatte mich in der Warteschlange am Drive-Through von Burger King abgefangen und wahrscheinlich noch 10 andere vor und nach mir. Der Standort war so geschickt ausgewählt, dass ich ihm das Geld einfach geben musste, nämlich genau zwischen Bestell- und Ausgabeschalter. Spich: Die Fenster der vorbeischleichenden Wagen sind zu 90% offen! Flucht unmöglich!
Vermutlich hat er an diesem Abend noch ein Whopper Menü verköstigt. Wäre zumindest besser als 10 Dosen Beckers Pilz, die man für den gleichen Preis erhalten würde (sofern die Preise seit Juni 09 nicht gestiegen sind).

Geschrieben von: Julian in Persönliches

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